Es kursieren viele Anekdoten zu Sokrates. In einigen spielt auch Xanthippe, die Ehefrau des Philosophen, eine zentrale Rolle. Eine davon möchten wir hier kurz vorstellen. Sie ist in zwei antiken Texten überliefert, die beide aus der Kaiserzeit stammen. Die Geschichte wird in der Varia Historia des im fortgeschrittenen 2. Jh. n. Chr. schreibenden Claudius Aelianus erzählt und ebenso in den Deipnosophisten des ungefähr gleichzeitigen Athenaios. Es geht darum, wie Xanthippe auf ein Geschenk reagiert, das Alkibiades dem Sokrates zukommen lässt. Hier der Text aus der Varia Historia:

πλακοῦντα ὁ Ἀλκιβιάδης μέγαν καὶ ἐσκευασμένον κάλλιστα διέπεμψε Σωκράτει. ὡς οὖν ὑπὸ ἐρωμένου ἐραστῇ πεμφθὲν [τὸ] δῶρον ἐκκαυστικὸν τὸν πλακοῦντα διαγανακτήσασα κατὰ τὸν αὑτῆς τρόπον ἡ Ξανθίππη ῥίψασα ἐκ τοῦ κανοῦ κατεπάτησε. γελάσας δὲ ὁ Σωκράτης ῾οὐκοῦν᾽ ἔφη ῾οὐδὲ σὺ μεθέξεις αὐτοῦ.᾿ εἰ δέ τις οἴεται περὶ μικρῶν με λέγειν λέγοντα ταῦτα, οὐκ οἶδεν ὅτι καὶ ἐκ τούτων ὁ σπουδαῖος δοκιμάζεται ὑπερφρονῶν αὐτῶν, ἅπερ οὖν οἱ πολλοὶ λέγουσιν εἶναι κόσμον τραπέζης καὶ δαιτὸς ἀναθήματα. (Varia Historia 11, 12)

Einen Kuchen schickte Alkibiades dem Sokrates, einen großen und sehr schön zubereiteten. Da es ein Geschenk war, das von einem Geliebten an einen Liebhaber geschickt wurde, um das Feuer der Leidenschaft zu schüren, warf Xanthippe, die in der ihr eigenen Art ungehalten wurde, den Kuchen aus dem Korb und zertrat ihn. Sokrates lachte und sagte: „Also wirst auch du nichts davon mithaben!“ Wenn jemand der Meinung ist, dass ich über Kleinigkeiten spreche, weiß er nicht, dass auch hieraus der ernsthafte Charakter zu erkennen ist, der all jenes verachtet, was die Masse für Schmuck des Tisches und Zierde des Mahles hält (Übers. Brodersen 2018, leicht modifiziert).


Auf die emotionale Seite der Szene gehen Aelianus und Athenaios gar nicht ein, doch ist sie grundlegend für das Verständnis.

Sokrates und Alkibiades sollen ein nicht nur freundschaftliches, sondern auch homosexuelles Verhältnis gehabt haben. Von dem Kuchen heißt es ausdrücklich, dass er ein Geschenk war „um das Feuer der Leidenschaft zu schüren“.

Alkibiades hat sich offenbar Gedanken darüber gemacht, was Sokrates gefallen könnte. Einen Kuchen verleibt man sich ein, er bietet einen sinnlichen Genuss, ist außerdem etwas sehr Persönliches. Kuchen bzw. Essen haben etwas mit körperlichen Wohlbefinden zu tun, andere Gegenstände wären viel weniger intim. Insofern ist Xanthippes Reaktion gegen den Kuchen besonders heftig. Sie wirft ihn nicht hin, weil sie Kuchen generell für unwichtigen Tand hielte, sondern weil sie gekränkt und eifersüchtig ist. Schließlich untergräbt Alkibiades die erotische Beziehung, die sie mit ihrem Ehemann Sokrates hat.

Die Fassung zu behalten, wenn man sich über etwas ärgert – denn auch Sokrates hat sich im tiefsten Innern sicher im ersten Moment über den verlorenen Genuss geärgert –, bedeutet immer einen gewissen inneren Aufwand, nämlich das Reflektieren der eigenen Gefühle und das Ringen um Selbstbeherrschung. Die Fassung zu verlieren bedeutet gerade keine Mühe, sondern ist das spontane Nachgeben eines inneren Impulses. Xanthippe und Sokrates sind Prototypen zweier konträrer Charaktere: Xanthippe folgt impulsiv ihren Emotionen, Sokrates hat ein hohes Maß an Selbstbeherrschung und Reflektiertheit erreicht. Der Kern der Anekdote liegt in der Gegenüberstellung der unterschiedlichen Verhaltenswesen der Ehegatten. Die Anekdote will nicht etwa moralisierend den ernsthaften Charakter des Sokrates loben noch geht es, wie Aelianus in einem zweiten Text nahelegt, um die Bedeutung des Sammelns unwichtiger Dinge wie Kuchen, sondern der Witz der Anekdote liegt darin, dass hinter Sokratesʼ trockenem Satz bei aller philosophischen Abgeklärtheit seine eigene (überwundene?) Sinnlichkeit durchschimmert.

Aelians Kommentar zu der Anekdote kommt überraschend, denn anscheinend geht es ihm nicht um den vordergründigen, menschlichen Aspekt der Geschichte. Vielmehr rechtfertigt er sich, indem er einen zukünftigen Leser tadelt, der nach der Relevanz dieser Anekdote fragen würde, und den Begriff des σπουδαῖος, des ernsthaften Charakters, ins Spiel bringt. Ein solcher nämlich würde billige Genüsse verachten. Dies mag sich vordergründig auf die Anekdote und den Kuchen beziehen: Sokrates steht über den Dingen und erachtet einen Kuchen gar nicht für würdig, um sich darüber aufzuregen. Sehr viel wahrscheinlicher jedoch meint Aelianus an dieser Stelle ganz unbescheiden sich selbst und interpretiert den „Schmuck des Tisches und Zierde des Mahles“ als intellektuelle Tischgespräche. Er selbst weiß eben, wie er sich im Kontext eines Festmahles von der Masse (οἱ πολλοί) durch seine Raffiniertheit und Belesenheit abheben kann, indem er andere und vielleicht entlegenere Kostbarkeiten anbietet als die Erwarteten und Geläufigen. Dies lässt er auch daran deutlich werden, dass er mit seinen beiden letzten Worten (δαιτὸς ἀναθήματα) scheinbar beiläufig ein Homer-Zitat einwebt (Od. 1.152). Ein Spiel mit Worten also, wie es von einem Vertreter der Zweiten Sophistik durchaus zu erwarten ist.

Dass eine solche Interpretation möglich ist, bestätigt sich, wenn wir diese Textstelle in einem weiteren Kontext betrachten. Als erstes ist in diesem Zusammenhang zu bemerken, dass die bunten Anekdotensammlungen aus der Antike, zu denen die Varia Historia gehört, oft ausdrücklich zusammengestellt wurden, um den Gästen eines Festmahles genügend geistreichen Gesprächsstoff zur Verfügung zu stellen (Plutarch, Tischgespräche 621c–d und Oikonomopoulou 2013).

Der zweite Text, in dem die Sokrates-Anekdote überliefert ist, findet sich in den Deipnosophisten des Athenaios. Dieses Werk steht nicht nur zeitlich sehr nahe an Aelians Varia Historia, sondern beschreibt auch tatsächlich ein solches Gelehrtengastmahl (Deipnosophistai), für das diese Sammlungen zusammengestellt wurden.

Πλακούντων δὲ ὀνόματα πολλῶν καταλεξάντων, ὅσων μέμνημαι τούτων σοι καὶ μεταδώσω. οἶδα δὲ καὶ Καλλίμαχον ἐν τῷ τῶν παντοδαπῶν συγγραμμάτων Πίνακι ἀναγράψαντα πλακουντοποιικὰ συγγράμματα Αἰγιμίου καὶ Ἡγησίππου καὶ Μητροβίου, ἔτι δὲ Φαίστου. ἡμεῖς δὲ ἃ μετεγράψαμεν ὀνόματα πλακούντων τούτων σοι καὶ μεταδώσομεν, οὐχ ὡς τοῦ ὑπ᾽ Ἀλκιβιάδου πεμφθέντος Σωκράτει. ὃν Ξανθίππης καταπατησάσης, γελάσας ὁ Σωκράτης ‘οὐκοῦν᾽, ἔφη, ‘οὐδὲ σὺ μεθέξεις τούτου.’ (Athen. 14, 643e–f)

Da sie die Bezeichnungen vieler Kuchenarten aufzählten, will ich dir diese – soweit ich mich entsinne – mitteilen. Ich weiß aber, dass Kallimachos in seiner „Aufstellung von Schriften aus allen Ländern“ auch Abhandlungen aufgeführt hat, die sich mit der Herstellung von Kuchen beschäftigen, und zwar von Aigimios, Hegesippos, Metrobios wie auch Phaistos. Wir werden dir nun diejenigen Bezeichnungen von Kuchen, die wir herausgeschrieben haben, auch mitteilen, nicht wie bei dem, der von Alkibiades an Sokrates geschickt worden war. Als diesen Xanthippe am Boden zerschmettert hatte, bemerkte Sokrates: „So wirst auch du davon nichts mitbekommen“. (Übers. Friedrich 2001, leicht modifiziert)

Auch Athenaiosʼ Zeilen enthalten ein geistreiches Wortspiel, noch dazu eines, das die Übersetzung nicht zum Ausdruck bringen kann: „μεταδώσομεν“ wurde hier zweideutig im Sinne von „mitteilen“ und „teilen“ gebraucht. Der Autor betont damit, dass er seinem Adressaten (Timokrates) nichts vorenthalten werde, ganz im Gegensatz zu Xanthippe, die ihrem Mann den Kuchen nicht gönnte.

Den modernen Leser mag es verwundern, dass Athenaios an dieser Stelle allen Ernstes sämtliche Kuchennamen referieren will, die im vorherigen Verlauf des Gastmahls der Deipnosophisten erwähnt wurden. Wir sind in Buch 14 und schon weit im Gastmahl fortgeschritten, denn die Nachtische sind nun an der Reihe, über die Pontianos, einer der Gäste, lange referiert hat. Nun will der Ich-Erzähler, also Athenaios, seine eigene Leistung unter Beweis stellen, die er dank seines Erinnerungsvermögens erbringen wird. Mit dem Hinweis auf Kallimachos rechtfertigt er sein Tun: Kuchen sind zwar keine Helden, doch das Kleine, Raffinierte, aber sehr Gelehrte kann sich durchaus im entsprechenden Zusammenhang mit dem großen, erhabenen Epos messen. Es galt also als größerer Fehler, etwas Subtiles zu übersehen und eine Schrift fälschlicherweise zu unterschätzen, als zu viel zusammenzutragen.

Wenn diese Interpretation stimmt, so kann sie auch ein anderes Licht auf weitere Aussagen des Aelianus werfen, die seine eigene Tätigkeit betreffen. Dazu wollen wir zum Schluss eine dritte Stelle kurz erwähnen. Im Prolog seiner anderen erhaltenen Anekdotensammlung, der De Natura Animalium, wendet er sich auch an zukünftige Leser und speziell solche, die seinem Werk kritisch entgegentreten könnten. Ihnen gibt er Folgendes zu bedenken:

ἐγὼ δὲ ἐμαυτῷ ταῦτα ὅσα οἷόν τε ἦν ἀθροίσας καὶ περιβαλὼν αὐτοῖς τὴν συνήθη λέξιν, κειμήλιον οὐκ ἀσπούδαστον ἐκπονῆσαι πεπίστευκα. εἰ δέ τῳ καὶ ἄλλῳ φανεῖται ταῦτα λυσιτελῆ, χρήσθω αὐτοῖς· ὅτῳ δὲ οὐ φανεῖται, ἐάτω τῷ πατρὶ θάλπειν τε καὶ περιέπειν· οὐ γὰρ πάντα πᾶσι καλά, οὐδὲ ἄξια δοκεῖ σπουδάσαι πᾶσι πάντα. εἰ δὲ ἐπὶ πολλοῖς τοῖς πρώτοις καὶ σοφοῖς γεγόναμεν, μὴ ἔστω ζημίωμα ἐς ἔπαινον ἡ τοῦ χρόνου λῆξις, εἴ τι καὶ αὐτοὶ σπουδῆς ἄξιον μάθημα παρεχοίμεθα καὶ τῇ εὑρέσει τῇ περιττοτέρᾳ καὶ τῇ φωνῇ. (De Natura Animalium, Prolog)

Indem ich dieses alles aber, so weit möglich, gesammelt und in die gewohnte Sprache eingekleidet habe, glaube ich einen ernstzunehmenden Schatz zustande gebracht zu haben. Wenn auch ein anderer diese Arbeit brauchbar findet, mag er sie benutzen; findet er sie nicht so, sei es doch ihrem [geistigen, Anm. Verf.] Vater gestattet, sie zu hegen und zu pflegen. Nicht alles scheint ja allen schön und nicht allen alles der ernsthaften Bemühung wert. Wenn wir aber erst nach vielen der Erstschöpfer und Weisen geboren sind, soll diese Zeitfolge der Anerkennung keinen Abbruch tun, solange wir nur auch selbst ein ernstzunehmendes Stück Bildungswissen mit gewählterer Untersuchung und Sprache bieten. (Über. Brodersen 2018, leicht modifiziert)

Auffallend ist die Aneinanderreihung von Begriffen, die mit dem σπουδαῖος (dem ernsthaften Charakter) aus der Sokrates-Anekdote in Verbindung gebracht werden können. Aelianus sieht seine Tätigkeit als diejenige eines σπουδαῖος, eines ernsthaften Wahrers des Wissens, der den wirklichen Wert erkennt, auch im Unscheinbaren.

 Alexandra Trachsel, unter Mitwirkung von Luise Seemann und Thomas Ganschow

 

Literatur:

Brodersen K. (trad.), Ailianos, Vermischte Forschung, Berlin/Boston 2018.

Brodersen K. (trad.), Ailianos, Tierleben, Berlin/Boston 2018.

Ceccarelli P., Dance and Desserts: an Analysis of Book Fourteen, in D. Braund und J. Wilkins (Hrsg.), Athenaeus and his World. Reading Greek Culture in the Roman Empire, Exeter 2000, 272–291.

Oikonomopoulou K., Plutarch’s Corpus of Quaestiones in the Tradition of Imperial Greek Encyclopaedism, in J. König und G. Woolf (Hrsg.), Encyclopaedism from Antiquity to the Renaissance, Cambridge 2013, 129–153.

Friedrich C. und Nothers T., Athenaios, Das Gelehrtenmahl, Buch XI–XV, Teil 2: Buch XIV und XV, Stuttgart 2001.


http://www.aeria.phil.uni-erlangen.de/photo_html/portrait/griechisch/denker/sokrates/sokrat25.jpg

Abb. 1:  Herme des Sokrates. Neapel, Nationalmuseum.
Historisches Photoarchiv der Antikensammlung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
http://www.aeria.phil.uni-erlangen.de/photo_html/portrait/griechisch/denker/sokrates/sokrat25.html

Unser erster Blog entführt Sie nach Kleinasien, in das karge Bergland Lykiens. Dort liegt auf 1.500 Metern Höhe die antike Stadt Oinoanda, die erst im 19. Jh. von britischen Forschungsreisenden wieder entdeckt wurde (Abb. 1). Über die Fachwelt hinaus erlangte Oinoanda Berühmtheit durch die längste Inschrift, die aus der Antike bekannt ist. Sie umfasst in leicht verständlicher Sprache die Lehren des ortsansässigen griechischen Philosophen Diogenes, der in der Tradition der epikureischen Schule stand. Angebracht war sie öffentlich zugänglich an der Rückwand einer Säulenhalle an der Agora, dem antiken Marktplatz.

(mehr zu Oinoanda: https://www.dainst.org/projekt/-/project-display/48576)

Die öffentliche Halle, an der die Inschrift angebracht war, besteht nicht mehr (Abb. 2). Doch über 300 ihrer Blöcke und Steinfragmente sind ab dem ausgehenden 19. Jh. bis in jüngere Zeit (2017) teils als wiederverwendete Bauteile in den Mauerresten späterer Gebäude, vielfach aber auch in dem überall auf dem Ruinengelände verstreuten Schutt entdeckt worden (Abb. 3). Ein erheblicher Teil der noch fehlenden ca. 80% der Inschrift harrt weiterhin auf dem seit mindestens einem Jahrtausend nicht mehr durch befahrbare Wege zugänglichen Bergrücken der antiken Siedlung Oinoanda seiner Entdeckung.

Hauptaufgabe der an den modernen Forschungen beteiligten Wissenschaftler war und ist die Rekonstruktion dieser wohl aus dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert stammenden Inschrift, die nur teilweise in zahlreichen Fragmenten erhalten ist. Was sie uns über die Philosophie des Diogenes hinaus noch verrät, erläutert Prof. Dr. Jürgen Hammerstaedt von der Universität zu Köln.

 

Diogenes von Oinoanda zwischen „Open Access“, „Präsenz-“ und „Distanzlehre“:

Eine (hoffentlich) ephemere Betrachtung in Corona-Zeiten

„Epicurean philosophy in open access“ – so bezeichnete unser belgischer Kollege Geert Roskam treffend die umfangreichste aller antiken Inschriften.[1] In ihr animierte Diogenes von Oinoanda im 2. Jh. n. Chr. seine Mitbürger, dazu aber auch explizit Fremde und nachgeborene Generationen in Lehrschriften, Sinnsprüchen und Briefen zu einem Leben nach Grundsätzen der epikureischen Philosophie. Ihr „Open Access“ manifestierte sich nicht allein in ihrer Anbringung in einer öffentlich und gratis zugänglichen Halle (Stoa), sondern schlug sich auch in ihrer Sprache nieder, die dem geläufigen Koiné-Griechisch nahe stand. Zudem zielte sie inhaltlich mit eingängigen, bisweilen drastisch anmutenden, aber konkret gestalteten Vergleichen und Beispielen auf die Lebenswelt einer vornehmlich bäurischen Leserschaft, die sich als teure Einzelstücke verfertigte Buchrollen mit literarischem Bildungsgut nicht leisten konnte.

Einleitend rechtfertigt Diogenes seine Initiative damit, dass er die philosophische Unterweisung im Einzelgespräch mit aufnahmebereiten Personen zwar bevorzugen würde, er sich jedoch angesichts seines hohen Alters und in der Überzeugung, räumlich und zeitlich eine höhere Wirkung zu erzielen, für die inschriftliche Verbreitung seiner Botschaft entschlossen habe.

Zweifellos übertraf diese öffentlich zugängliche Publikationsweise gerade als ‘Langzeitarchivierung’ das im 2. Jh. n. Chr. führende Schriftmedium der Papyrusrollen. Martin Ferguson Smith würdigte sie zu Recht im Rahmen der vor nunmehr einem halben Jahrhundert in Gang gebrachten neueren Forschungen[2] als originelle und innovative Leistung.

Doch Diogenes verbreitete seine Botschaft nicht nur inschriftlich in „Open Access“. Er betrieb auch „Präsenzlehre“. In einem 2010 entdeckten Brieffragment erklärt er sich zur Unterweisung junger Damen bereit, die bis dahin nur Kostproben des Epikureismus genossen hätten.

Ein Neufund von 2017 macht wahrscheinlich, dass Diogenes sich für seine Lehre einer im griechischen Bereich damals noch neuartigen Technologie bedient hat: der Stenographie. Diese in den letzten Jahrzehnten der römischen Republik erstmals im Umfeld Ciceros u. a. von Tiro entwickelte Methode zur Erfassung gesprochener Rede ist im griechischen Bereich erst ab dem 2. Jh. n. Chr. belegt, wo sie bald viele Lebensbereiche prägte. Wir erfahren nun aus diesem Text, dass auch Diogenes auf Stenographen zurückgriff (Diog. NF 215, Abb. 4):

Archelaos grüßt Dion. Da Du die von unserem (Freund) Diogenes nach der Bestattung seines Sohns gesprochenen Worte zu erfahren wünschst, erledige ich dies mit großem Vergnügen. Denn ich will Dir jeden Gefallen in der Weise tun, als sei er für mich selbst. Die Angelegenheit entwickelte sich für mich, da ich Dir eine bessere Übermittlung als meine eigene zukommen lassen wollte, äußerst günstig: da nämlich einige präzise Stenographen seinen Vortrag aufgenommen hatten, hatte ich davon eine Kopie gemacht und [mitgenommen].

Wir lesen hier nicht nur, daß Diogenes einen Sohn und somit auch eine Frau gehabt hat – wobei die Ehe eigentlich den Grundsätzen einer epikureischen Lebensweise widersprach – und dass dieser Sohn noch zu seinen Lebzeiten verstorben ist. Die Erwähnung der Stenographen wirft zudem ein ganz neues Licht auf einen anderen Brief des Diogenes, der eigentlich schon seit den frühesten Entdeckungen der Inschrift bekannt ist. Hierin schrieb er an einen philosophischen Gesinnungsgenossen in Griechenland, während er auf der Insel Rhodos durch widriges Wetter festsaß und befürchtete, dass es wegen seines hohen Alters gar nicht mehr zu einem Wiedersehen kommen würde (Diog. fr. 63):

... ich schicke dir, wie du es verlangt hast, das zu, was die unendliche Zahl der Welten betrifft. Für dich hat sich aber eine glückliche Fügung in dieser Angelegenheit ergeben: denn bevor dein Brief eintraf, war gerade Theodoridas von Lindos, ein dir nicht unbekannter Gefährte von uns, der noch Anfänger im Philosophieren ist, mit demselben Argument befasst. Dieses aber gewann dadurch an Kontur, dass es zwischen uns beiden im persönlichen Gespräch erörtert wurde. Denn die gegenseitig von uns beiden bekundete Billigung und Ablehnung und dazu unsere Fragen verliehen der Untersuchung des Problems höhere Präzision. Daher also sende ich dir, Antipater, jene Unterredung zu, damit sich derselbe Effekt ergibt, wie wenn du, ebenso wie Theodoridas, bei Gespräch zugegen wärest und den einen Aussagen zustimmtest, bei den anderen Probleme aufwürfest und zusätzliche Fragen stelltest.

Wie konnte Diogenes in der offenbar beigefügten Mitschrift die Spontaneität eines unmittelbaren Austauschs von Argumenten und Einwänden im direkten persönlichen Gespräch einfangen? Wohl nur mittels Stenographie, die Diogenes ebenso wie das ungewöhnliche Medium der Inschrift genutzt hat, um seine Vermittlung philosophischen Gedankenguts auf innovative Weise und mit neuartigen Mitteln möglichst wirkungsvoll zu gestalten.

Während in diesem Jahr zwar kein Wintersturm, aber eine Pandemie persönliche Zusammenkünfte verhindert, helfen uns ebenso wie einst dem Diogenes erst seit einer kurzen Zeit verfügbare Technologien, die Spontaneität und Lebendigkeit unserer Lehrgespräche so gut wie es geht zu wahren.

Köln, im November 2020                                                                                  Jürgen Hammerstaedt

 

[1] G. Roskam, Epicurean philosophy in open access. The intended reader and the authorial approach of Diogenes of Oinoanda, in: Epigraphica Anatolica 48 (2016) 151ff.

[2] M. F. Smith, ”Fifty Years of New Epicurean Discoveries at Oinoanda”: Cronache Ercolanesi 50 (2020) 241-258; https://www.martinfergusonsmith.com/pdf/CRONACHEERCOLANES.pdf.

 
Editionen der Fragmente des Diogenes von Oinoanda:
M. F. Smith, Diogenes of Oinoanda. The Epicurean Inscription = La Scuola di Epicuro, Supplemento 1 (Napoli 1993), ergänzt durch epigraphische Dokumentation in M. F. Smith, The Philosophical Inscription of Diogenes of Oinoanda = Ergänzungsbände zu den Tituli Asiae Minoris 20 (Wien 1996). Die 1997 entdeckten Texte und weitere Aktualisierungen bei M. F. Smith, Supplement to Diogenes of Oinoanda. The Epicurean Inscription = La Scuola di Epicuro, Supplemento 3 (Napoli 2003). Die Funde der jährlichen Surveys zwischen 2007 und 2012 unter Leitung von Martin Bachmann, dem damaligen Zweiten Direktor der Abteilung Istanbul des Deutschen Archäologischen Instituts, sind zusammengefasst in J. Hammerstaedt / M. F. Smith, The Epicurean Inscription of Diogenes of Oinoanda. Ten Years of New Discoveries and Research (Bonn 2014). Zu den letzten Entdeckungen s. J. Hammerstaedt / M. F. Smith, “New Research at Oinoanda and a New Fragment of the Epicurean Diogenes (NF 213)”: Epigraphica Anatolica 49 (2016) 109-125 und “Diogenes of Oinoanda. The New and Unexpected Discoveries of 2017 (NF 214-219), with a Re-edition of fr. 70-72”: Epigraphica Anatolica 51 (2018) 43-79.

 Zur Philosophie des Diogenes:
J. Hammerstaedt / P.-M. Morel / R. Güremen (Hrsg.), Diogenes of Oinoanda. Epicureanism and Philosophical Debates – Diogène d’Œnoanda. Épicurisme et controverses (Leuven 2017).

 Filme über die Oinoandasurveys unter Leitung von Martin Bachmann:
“Oinoanda - Die größte Inschrift der Welt”: https://www.youtube.com/watch?v=gvKjbuntLLA
“A Gigantic Jigsaw Puzzle: The Epicurean Inscription of Diogenes of Oinoanda”: https://www.youtube.com/watch?v=1s-z7uZd9X8

 

Abb. 1: Karte von Lykien (aus: Martin Ferguson Smith, The Philosophical Inscription of Diogenes of Oinoanda = Ergänzungsbände zu den Tituli Asiae Minoris Nr. 20 [Wien 1996] Plate 1, Fig. 1). 



Abb. 2: Oinoandas „Esplanade“ mit dem einstigen Standort der Diogenes-Stoa im Bereich des hinter der hohen Fichte erkennbaren Trümmerfeldes (© Oinoandateam).

 

Abb. 3: Fragmente der Inschrift des Diogenes (© Oinoandateam).

 

Abb. 4: Diog. NF 215 (© Oinoandateam).