Von Donnerstag, dem 16. bis Samstag, den 18. April 2015 fand die 33. Große Tagung der Mommsen-Gesellschaft zum Thema „Formen der Kommunikation durch Bild, Wort und Text in der Antike“ in Würzburg statt. Ausgerichtet wurde der Kongreß durch Prof. Dr. Dr. h.c. Michael Erler und Dr. J.E. Heßler vom Lehrstuhl für Gräzistik. Das breite Themenspektrum ermöglichte es, durch die Beiträge aus den drei in der Gesellschaft vertretenen Hauptgebieten (Archäologie, Alte Geschichte, Klassische Philologie) eine stimulierende Vielfalt an Forschungsperspektiven und -methoden zu verschiedenen Mitteilungsstrategien in der Antike darzubieten. Teilgenommen haben an der Konferenz rund 170 angemeldete Gäste sowie interessierte Würzburger KollegInnen und Studierende aus den altertumswissenschaftlichen Fächern. Das Tagungsprogramm zum Download finden Sie hier.

 

 

Überblick

Nach der Begrüßung durch M. Erler, gefolgt von den Reden des Universitäts-Präsidenten A. Forchel, des Leiters des Referats für Wissenschafts-, Forschungs- und Kunstpolitik der Bayerischen Staatskanzlei M. Mihatsch, des Würzburger Oberbürgermeisters Ch. Schuchardt, des Prodekans der Philosophischen Fakultät Th. Baier und der Vorsitzenden des Deutschen Altphilologenverbandes S. Vogt, wurde das wissenschaftliche Programm in der Neubaukirche der Universität Würzburg eröffnet durch die Vorträge von H. von Staden und G. Crane (Erste Sektion). Die Vortragenden setzten sich mit der Vermittlung von Fachwissen in der Antike bzw. der Zukunft der Klassischen Philologie im digitalen Zeitalter auseinander. Die auf Donnerstag und Freitag aufgeteilte zweite Sektion sah fünf Beiträge vor, zwei aus der Alten Geschichte, zwei aus der Archäologie und einen aus der Klassischen Philologie. Die Beiträge befaßten sich sowohl mit Problemen der Kommunikation durch öffentliche figurative Darstellungen wie Grabmäler (K. Sporn) oder kultbezogene Gemälde (M. Meyer) als auch mit kommunikativen Mechanismen der Machtausübung (R. Pfeilschifter, A. Winterling) und mit der exemplarischen Darstellung tugendhaften Verhaltens (Ch. Reitz). Am Donnerstagabend wurden die Tagungsgäste vom Bürgermeister der Stadt Würzburg A. Bauer empfangen. Es folgten am Freitagnachmittag in der dritten Sektion die Kurzvorträge zu laufenden Projekten. Ein disziplinübergreifender Beitrag berichtete über die Möglichkeiten einer digitalen Repräsentation des bibliographischen Materials zur Erforschung der antiken Welt (Gnomon online und Zenon). Die restlichen Beiträge orientierten sich einerseits auf Edition, Übersetzung, Kommentierung und ggf. digitale Bereitstellung fragmentarischer Zeugnisse antiker Literatur und Geschichte (CIL XVII Miliaria Imperii Romani; Kleine und fragmentarische Historiker der Spätantike; Kommentierung der Fragmente der griechischen Komödie), andererseits auf vielversprechende, durch Anwendung innovativer Technologien entwickelte Reproduktionsverfahren antiker Handschriften (Neue Einblicke (nicht nur) in herkulanensische Papyri). Die vierte Sektion der Tagung, die am Freitag im Toskanasaal der Würzburger Residenz stattfand, wurde als round-table der Vorstellung von Forschungsvorhaben von Nachwuchswissenschaftlern gewidmet. Die Vorträge konzentrierten sich hauptsächlich auf kommunikationstheoretische Aspekte im Werke verschiedener Autoren: Epikur (V. Damiani), Horaz (I. Gundlach), Seneca/Cicero/Laktanz (A. Junghanß), Platon (B. Kaiser). Der in der Neubaukirche gehaltene Abendvortrag von D. Konstan, der die Verbreitung athenischer Kulturmodelle durch die neue Komödie bewertete, sorgte für lebhafte Diskussion. Mit dem Ausflug zum Aschaffenburger Pompejanum unter der Führung von V. Kockel (Augsburg) und mit der Weinprobe im Hofkeller der Residenz in Würzburg schloß das Tagungsprogramm.

 

 

Sektion 1: Eröffnungsvorträge

H. von Staden (Institute for Advanced Study, Princeton) setzte sich als Ziel, Aspekte der Interaktionsdynamik und des Verhältnisses unterschiedlicher Vermittlungsmedien in antiken Fachtexten zueinander und anschließend die Problematisierung solcher Kommunikationsmittel, wie sie bereits in jenen Texten zu erkennen ist, zu erörtern. Durch Textbeispiele wie die Πολιορκετικά des Apollodorus von Damaskus und die Μηχανικ σύνταξις des Philon zeigte von Staden, wie die Unzulänglichkeit der sprachlich-textualisierenden Vermittlung (vor allem aufgrund der Unklarheit der technischen Terminologie und der Komplexität der Materie) kompensiert werden könne. Dies geschehe einerseits durch den Einsatz von Illustrationen,die teilweise noch in der handschriftlichen Überlieferung erhalten sind, andererseits durch Hinweise auf den performativen Aspekt der vermittelten τέχνη, was die Reproduzierbarkeit der Ergebnisse mittels eines durch bestimmte Regeln strukturierten Wissens ermöglicht. Bereits Plinius unterziehe die Funktion von Abbildungen in der Wissensvermittlung einer kritischen Betrachtung, während die Wirksamkeit der kooptierenden Strategie der Performanz im Text selbst, etwa durch eine genaue und lebendige Beschreibung des wissenschaftlichen Handels, bei Galens Περνατομικν γχειρήσεων klar zu beobachten sei.

Der Beitrag von G. Crane (Leipzig/Tufts University), Leiter des Open Philology Project und Inhaber des Humboldt Chair of Digital Humanities an der Universität Leipzig, befaßte sich mit der Frage, wie die Kenntnisse, die man in der Klassischen Philologie erzeugt, die Werte, die man durch sie vertritt und ihre sozialen Rechtfertigungsmöglichkeiten zum Zweck einer nachhaltigen Zukunftsgestaltung für die Disziplin zu definieren seien. Die Anpassung der Informationen an die Standards der digitalen Darstellung und Bearbeitung biete dafür eine passende Antwort. Die klassische Philologie, immer noch als universae antiquitatis cognitio historica et philosophica (Boeckh 1822) konzipiert, solle demnach ihre Ergebnisse einem Weltpublikum zugänglich machen (open access publication, open data) und gleichzeitig die Grenzen des Begriffs „Klassisch“ auf die ganze klassische und nachklassische Tradition erweitern. Die Repräsentation der von der Altertumsforschung produzierten Kenntnisse müsse dabei die Form der machine-actionable annotation annehmen sowie Instrumente von corpus linguistics, computational linguistics und text mining auswerten. Der digitale Wandel könne nach Cranes Einschätzung zu einer besseren Etablierung der Rolle der Klassischen Philologie in der heutigen Gesellschaft beitragen.

 

 

Sektion 2: Langvorträge

R. Pfeilschifter (Würzburg) analysierte in seinen Ausführungen die Rolle von Machtrhetorik und Selbstinszenierung am Beispiel des Hunnenkönigs Attila. In seiner Einleitung erklärte Pfeilschifter den Sinn einer „positiven Selbstinszenierung“ dem eigenen Volk gegenüber am aktuellen Fall des Präsidenten der russischen Föderation Wladimir Putin; danach definierte er durch eine textnahe Betrachtung der Zeugnisse aus dem Gesandtschaftsbericht des Priscus von Panion die rhetorische Strategie der Selbstdarstellung, die Attila in Anwesenheit der römischen Botschafter zielgerichtet anwendet, als eine derjenigen von Putin typologisch entgegengestellte „negative Selbstinszenierung“. Attila kommuniziere eher nach außen, d.h. hauptsächlich sei seine intendierte Botschaft an die römischen Gesandten gerichtet. Er zeige sich demnach als jähzorniger, wilder Mann, als „Barbar“ nach griechisch-römischer Vorstellung. So entstehe eine asymmetrische Kommunikationssituation: Die Römer, die Attilas nach seinem Interesse dosiertes Kalkül nicht als solches erkennen können, glauben, dieser sei in seinem Verhalten beschränkt, beschränken sich gerade dadurch aber selbst in ihren diplomatischen Möglichkeiten.

Im Vortrag von K. Sporn (DAI Athen) stand der kommunikative Wert griechischer Grabbilder im Fokus. Besonders in Athen (z.B. in den Grabbezirken am Kerameikos) sei eine deutlich ausgeprägte Standardisierung der Darstellungsmotive zu beobachten. Das Familienmotiv, zusammen mit Fällen ostentativer Genealogie sei dort aus politischen Gründen besonders relevant, etwa für das Erkennen des athenischen Bürgerstatus, für das der Verweis auf die Existenz von Familiengräbern von großer Bedeutung war). Seltener seien individuelle Züge zu finden; Hauptsorge sei in der Tat, die Teilnahme am demokratischen System der Polis zu demonstrieren. Im übrigen Griechenland komme eine differenziertere Situation vor: Grabinschriften und Grabmäler mit Familiendarstellungen seien wiederum wesentlich weniger verbreitet, wobei nicht bildbezogene Elemente wie die Größe der Grabbauten selbst als Kommunikationsinstrumente und Symbole des Familienzusammenhaltes in Frage kämen. Im Unterschied zu Athen komme außerdem in den gezeigten Fällen wie auch an einigen Orten Attikas außerhalb Athens persönlichen Motiven eine viel größere Bedeutung zu.

Eine philologische und ikonographische Interpretation von Bilderprogrammen zur Darstellung römischer Tugenden bzw. tugendhafter Menschen besonders in der Renaissance vermittelte der Beitrag von Ch. Reitz (Rostock). Ausgangsfrage war, wie sich die erstaunliche Stabilität des römischen Kanons berühmter Frauen und Männer durch die Jahrhunderte erklären läßt. Der Schlüssel liege in der Polyvalenz der dargestellten Exempla. Darum lohne es sich immer, einerseits die antiken Quellen im Blick zu behalten, um Interessenlage und Belesenheit von Auftraggebern und Künstlern zu rekonstruieren, andererseits aber die Mehrdeutigkeit der Bilder zu thematisieren. Einen solchen Versuch unternahm Reitz am Beispiel der Anticappella des Palazzo Pubblico in Siena (insbesondere der Wandgemälde von Taddeo di Bartolo), der Sala dei Giganti in Padua, deren Bildprogramm sich auf Petrarca zurückführen läßt, sowie des Bilderfrieses im Billardzimmer des Schweriner Schlosses. Dabei ergab sich das Verhältnis zwischen Textquellen und Bildern als Spiegel der jeweiligen Rezeptionsbedingungen. In diesem Zusammenhang verwies Reitz abschließend auf den ästhetischen und dokumentarischen Wert von Daktyliotheken (die gerade in Rostock besondere Aufmerksamkeit bekommen) zur Erforschung der Tradition der viri illustres.

M. Meyer (Wien) zeigte, wie Neuerungen im Bereich des Kultes durch Erwägung ihrer visuellen Kommunikation aus Neuerungen im Bereich des Mythos zu erschließen seien, wobei Mythen eine Begründungsfunktion erhalten. Ein Paradebeispiel erkannte Meyer im Mythos des athenischen Urkönigs Erechtheus. Der Erdgeburtsmythos, nach dem Erechtheus von Gaia geboren und von Athena aufgezogen wird, sei in dieser Beziehung von Bedeutung: Eine andere Version der Geschichte sieht eine Spaltung der Figur des Erechtheus vor, denn der Neugeborene heißt in jenem Fall Erechthonios, der sonst in Königslisten als Großvater des Erechtheus erscheint. Die Neuerung sei, so Meyer, mit der Phylenreform 508/7 zu verknüpfen, die Erechtheus zum Phylenheros machte. Die neue Fassung des Mythos würde bei den Panathenäen vorgetragen und durch dauerhafte Ausstellung eines Bildes bekanntgemacht, was auch die Uniformität der Vasendarstellungen erkläre. Eine Anspielung auf das Bild sei in Euripides’ Ion zu finden. Mit der Phylenreform sei auch die Rolle des Erechtheus als Landesverteidiger (er wehrt den Angriff der Eleusiner auf Athen durch Eumolpos ab) und sein gemeinsamer Kult mit Poseidon festgelegt worden: der entsprechende Begründungsmythos schildere Euripides in seinem fragmentarisch erhaltenem Erechtheus.

Der letzte Vortrag der zweiten Sektion, gehalten von A. Winterling (HU Berlin), untersuchte die Kommunikationsverhältnisse zwischen Kaiser und Aristokratie im 1. Jhdt. n.Chr. Die grundsätzliche Rivalität zwischen beiden Seiten werde durch eine unaufrichtige, konfliktüberdeckende Kunst der Kommunikation gesteuert, die oberflächlich gegenseitige Akzeptanz und Schätzung zum Ausdruck bringt, so daß das Gesagte gerade dem Gegenteil dessen, was gemeint ist, entspreche. Dabei sei jedoch allen klar, was die Gegenseite in Wahrheit beabsichtige. Diese Beziehung finde in der Interdependenz zwischen Kaiser und Aristokratie eine historische Begründung: Der Kaiser brauche eine Legitimierung seiner Alleinherrschaft durch die alten republikanischen Institutionen, während die Aristokratie ihrerseits ihr Fortleben ohne das Erringen kaiserlicher Gunst nicht absichern könne. Auf der Seite der Aristokratie mache sich dieser Verdiensteifer vor allem in gegenseitigen Denunziationen sichtbar, was wiederum zur Desintegration der inneren aristokratischen Beziehungen führe. Andererseits erweise sich die Legitimierung der Macht des Kaisers durch die paradoxe Bindung mit der Aristokratie als sehr instabil.

 

 

Sektion 3: Projektvorstellungen

A. Kolb (Zürich) präsentierte das von ihr geführte Editionsprojekt für den 17. Teil des Corpus Inscriptionum Latinarum. Das Projekt wird von der DFG und vom Exzellenzcluster TOPOI (Berlin) unterstützt und strebt eine systematische, kommentierte und dokumentierte Ausgabe der Meilensteine im gesamten Imperium Romanum an. Die üblicherweise in Form einer ca. 3 Meter hohen Säule gestalteten miliaria (erhalten sind rund 800) wurden als Entfernungsmarkierungen auf den viae publicae errichtet. Ihre dokumentarische Bedeutung liegt vor allem darin, daß sie nicht nur Informationen über das Straßennetz des Römischen Reichs liefern, sondern auch durch ihre Inschriften Instrumente der kaiserlichen Propaganda darstellen.

Das auf 15 Jahre angelegte Forschungsvorhaben Kleine und fragmentarische Historiker der Spätantike, vorgestellt von M. Stein (Düsseldorf), setzt sich zum Ziel, eine Textgrundlage für die Ereignisgeschichte der Spätantike (Zeitspanne: 3-6 Jhdt. n.Chr.) durch die lediglich fragmentarisch erhaltenen zeitnahen Quellen zur Verfügung zu stellen und damit veraltete bzw. unvollständige Fragmentsammlungen zu ersetzen. Die Texte werden mit einem kritischen Apparat, einer deutschen Übersetzung, einer Einleitung und einem Kommentar (aus philologischer und historischer Perspektive) versehen. Zur Zeit zählt man ca. 90 Autoren, darunter lateinische und griechische, Profan- und Kirchenhistoriker. Die Reihe wird beim Verlag Schöningh veröffentlicht (4 Bände sind zur Zeit bereits erschienen).

Neue Perspektiven vor allem im Bereich der herkulanensischen Papyrologie zeigten die von J. Hammerstaedt (Köln) dargestellten Projekte. Das erste wird von der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Kölner Arbeitsstelle für Papyrologie, Epigraphik und Numismatik unterstützt. Es sieht die Verfertigung neuer Aufnahmen herkulanensischer Papyri vor, die durch kombinierte MSI- (Multispectral Imaging) und RTI-Technologie (Reflectance Transformation Imaging) eine Lektüre der Handschriften sowohl bei verschiedenen Wellenlängen als auch bei wechselnden Lichteinfällen ermöglichen. Ein zweites Projekt führt die Anwendung des Phase-Contrast X-Ray Imaging mittels der Synchrotron Radiation Facility in Grenoble (auf Initiative des italienischen Physikers V. Mocella) auf noch ungeöffnete Papyri durch, um den enthaltenen Text erkennen zu können.

G. Weber, A. Hartmann (Augsburg) und S. Thaenert (Berlin) präsentierten die Ergebnisse des von dem Augsburger Lehrstuhl für alte Geschichte und dem DAI in Berlin umgesetzten Kooperationsprojekts Bibliographische Datenbanken als visualisiertes Wissensnetz (2013-2014, Programm CLARIN-D) zum Aufbau eines Prototyps einer neuen altertumswissenschaftlichen Literaturplattform, die Zugriff auf Daten der Gnomon-bibliographischen Datenbank und der Zenon-Datenbank (DAI) gewährleistet. Das Projekt sah zwei Module vor: 1) Aufbau und Abgleich beider Datenbestände, Disambiguierung und Normierung bestehender Daten; 2) Metadatenkonvertierung und Bereitstellung über ein Web-Portal. Zukünftige Arbeiten werden sich auf die Berechnung und Darstellung eines Wissensnetzes (basierend auf semantischen Verhältnissen zwischen Schlagwörtern) konzentrieren.

Das seit 2011 in Freiburg angesiedelte Projekt Kommentierung der Fragmente der griechischen Komödie (15 Jahre), geleitet von B. Zimmermann, schloß die dritte Sektion der Tagung ab. Textgrundlage des Unternehmens ist die Edition der Poetae Comici Graeci von Kassel-Austin. Durch Mitwirkung internationaler Mitarbeiter, vor allem aus Italien, beabsichtigt die Freiburger Arbeitsgruppe eine systematische Kommentierung fragmentarischer Texte der griechischen Komödie. Die Texte werden von einer umfassenden kontextualisierenden Einleitung und einer Übersetzung in moderner Sprache begleitet. 9 Bände sind bereits beim Verlag Antike in Heidelberg in der Reihe Fragmenta comica erschienen; 28 sind insgesamt geplant. Die Bände sind chronologisch angelegt und enthalten in der Regel sowohl Einzelautoren als auch mehrere poetae minores zusammen.

 

 

Sektion 4: round table

Der Beitrag von V. Damiani (Würzburg/SNS Pisa) befaßte sich mit der Untersuchung normativer Aussagen über die Gattungsmerkmale des philosophischen Kompendiums in Epikurs Werk. Als Fallstudie wurden die Episteln an Herodot und an Pythokles herangezogen. Die explizite Bestimmung der Adressaten durch Epikur selbst führt zu einer Interpretation der literarischen Form beider Texte, denen sowohl die Funktion der εσαγωγή(Einführungsschrift) als auch die der πιτομή (als Repetitorium der Lehre) zugewiesen werden konnte. Außerdem wurde die Beziehung zwischen Lehrbriefen und Gemeindebriefen erörtert. Abschließend unterzog Damiani das Verhältnis zwischen Epikurs Hauptwerk Περ φύσεως und den Kurzfassungen einer Prüfung. Ergebnis war der Vorschlag, die Kompendien zur Physiologie als autonome Schriften zu interpretieren, die daher strukturell unabhängig von Epikurs opus maius zu sehen seien.

I. Gundlach (Tübingen) erläuterte die Interaktion zwischen semantischen Feldern in poetologischen Aussagen bei Horaz, Properz und Ovid. Insbesondere die Metaphorik der Landschaft, des Weges und der Schiffahrt wurden im Vortrag exemplarisch herangezogen. Durch die Metapher der Landschaft könne der Dichter Themenfelder sowie Elemente der Gattung zum Ausdruck bringen; das Bild des Weges symbolisiere oft die Stellung des Autors innerhalb einer Tradition (etwa wenn der poetische „Weg“ vom Autor selbst bestimmt wird); auch die metaphorische Fahrt sei vielfältig belegt: Das große Schiff (Epik) stelle z.B. Properz dem kleinen Kahn (Elegie) gegenüber, während Ovid im Gegenteil von größeren Segeln (velis maioribus) spreche, um zu zeigen, daß auch in der Elegie epische Stoffe behandelt werden können.

A. Junghanß (Dresden) behandelte die Konzeption des beneficium bei Cicero, Seneca und Laktanz. Ciceros Absicht sei die Bestimmung dessen, was man einem anderen jeweils schulde; Seneca plädiere seinerseits für eine Form von honesta contentio zwischen beiden Seiten, die zur Entwicklung der virtus führe; für Laktanz schaffe das beneficium eher eine Beziehung zwischen Menschen und Gott, die mit Gottes Gabe der Offenbarung anfange. Alle drei hätten dennoch gemeinsam die Annahme, daß im beneficium jeweils die Beziehung der Partner und ins besondere ihre Position zueinander kommunikativ verhandelt wird. Junganß’ Ausführungen stützten sich auf die Gabetheorie von Marcel Mauss und die Kommunikationstheorie von Watzlawick, Beavin und Jackson.

Der letzte Referent des round table, B. Kaiser (Dresden), schlug einen Vergleich zwischen der Kommunikationstheorie von Watzlawick, Beavin und Jackson und Platons Inszenierung von Kommunikationsstörungen in seinem Dialog Gorgias vor. In der Perspektive der WBJ-Theorie mißlinge die Kommunikation zwischen Sokrates und seinen Gesprächspartnern hauptsächlich, weil dabei ständig die Ebene des Inhaltes (an die sich Sokrates fast immer hält) mit der der Beziehung (auf die jene zurückgreifen) kollidiere. Anstatt aber einen Abgleich der Diskussionsebenen als Lösungsansatz zu verwenden, konzipiert Platon gerade die emotionale Erregung der Gesprächspartner wie einen transitorischen Zustand mit produktivem Potential, indem er die therapeutische Rolle des λεγχοςin dramatischer Form umsetzt.

Der große Zuspruch bei diesem Programmpunkt läßt darauf hoffen, daß sich die Nachwuchsrunde auch bei kommenden Mommsen-Tagungen etabliert und künftig viele Bewerbungen aus allen drei altertumswissenschaftlichen Fachdisziplinen eingehen.

 

 

Abendvortrag

Letzter Beitrag des Kongresses war der Abendvortrag von D. Konstan (Brown University/NYU). Konstan versuchte für das von John Ma als „große Konvergenz“ bezeichnete Phänomen, d.h. die Konvergenz stadtbürgerlicher Praktiken, politischer Einrichtungen und geistiger Auseinandersetzungen, die sich nach der Eroberung durch Alexander den Großen in den griechischen Städten ereignet, eine Erklärung zu bieten. Auf kultureller Ebene sei die Verbreitung der neuen Komödie eine der Ursachen. Die neue Komödie biete ein idealisiertes Bild Athens, das wiederum die sozialen Verhältnisse und die Vorstellung der Lebensweise beim Publikum beeinflußt. Dieser Sachverhalt wurde veranschaulicht durch einen Vergleich mit der gesellschaftlichen Wirkung der romantischen Komödie als Genre der Hollywood-Cinematographie der ersten Nachkriegszeit: in einem Film wie It Happened One Night (1934) finde man, was vor allem die Darstellung einer demokratischen Ideologie von Klassengleichheit angeht, genau dieselben patterns, die z.B. auch bei Menander zu beobachten sind. Denn sowohl die neue Komödie als auch ihre gattungshistorische Entwicklung vermittelten ein bestimmtes Konzept glücklichen Lebens, an das sich dann das Publikum anpassen möchte. Darauf sieht Konstan eine Anspielung im berühmten Spruch des Aristophanes von Byzanz, Μένανδρε κα βίε, πότερος ρ’ μν πότερον πεμιμήσατο;

 

 

Anmerkungen:

(1) Plin. Nat. 28,5.

(2) http://www.dh.uni-leipzig.de/wo/projects/open-greek-and-latin-project.

(3) Fr. 11-14 Blockley. Es handelt sich um einen Bericht der 448-449 n.Ch. unter Theodosius II unternommenen Gesandtschaft zum Hunnenkönig Attila.

(4) Früheste Quelle ist Hom. Il. 2,547-48.

(5) Apollod. 3,6.

(6) E. Ion 271: σπερ ν γραφ νομίζεται.

(7) http://www.research-projects.uzh.ch/p4532.htm.

(8) http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/historiker-der-spaetantike/.

(9) http://www.nature.com/ncomms/2015/150120/ncomms6895/full/ncomms6895.html.

(10) http://www.presse.uni-augsburg.de/unipressedienst/2013/april-juni/2013_109/.

(11) http://www.komfrag.uni-freiburg.de/.

(12) Prop. 3,9,1-4.

(13) Ov. Fast. 2,1-8.

(14) Off. 2.

(15) Ben.

(16) Div. Inst. 5-6.

(17) PCG VI 2, 83.

 

Für die Gesellschaft berichteten Vincenzo Damiani (Würzburg), Dr. Jan Erik Heßler (Würzburg).

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