Dira lues. Eine vergleichende Untersuchung des Seuchenmotivs in der lateinischen Dichtung des ersten vor- und nachchristlichen Jahrhunderts

Dissertation von Fabian Neuwahl, gemeldet am 25.01.2018
Universität zu Köln, Institut für Altertumskunde

Lukian von Samosata kritisiert im fünfzehnten Abschnitt seines Werkes ‚Wie man Geschichte schreiben soll‘ den Historiker Krepereios Kalpurnianos. Dieser habe sich zum Ziel gesetzt, genau wie Thukydides zu schreiben – ein hehres Unterfangen, das Lukian reichlich Material für seinen Spott liefert. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Seuchenbeschreibung, die Kalpurnianos von seinem Vorbild mit nur geringen Änderungen kopiert habe, was Lukian zum Anlass nimmt, die Vorlesung zu verlassen: schließlich wüsste er genau, was noch folgte. Ob Kalpurnianos tatsächlich als Thucydides alter auf diese Weise dilettierte, ist nicht rekonstruierbar. Für Lukrez jedoch, der sein Werk De rerum natura ebenfalls in enger Anlehnung an Thukydides mit einer Seuchenbeschreibung beschließt, ist nach vergleichbaren Vorwürfen der Unselbstständigkeit im 19. Jh. nachgewiesen worden, dass er keine bloße Versifikation des Historikers vorgenommen hat. Bei Lukrez nimmt mein Dissertationsprojekt seinen Ausgang, da der epikureische Dichter das Motiv der Seuche für die lateinische Literatur erschlossen und eine Tradition begründet hat, die sich über Vergil, Grattius, Ovid, Manilius, Seneca, Lucan und Silius Italicus erstreckt.

Meine Vorgänger sind Gerard Vallillee (1960) und Jürgen Grimm (1965), die sich ebenfalls der Motivtradition widmeten. Manfred Horstmanshoff (1989) hat eine in ihren Ansätzen vergleichbare Untersuchung der griechischen Tradition vorgenommen. Einen wichtigen neueren Beitrag hat Hunter Gardner (2019) mit ihrer metaphorischen Deutung der Seuchenbeschreibungen ergänzt. Vallillee und Grimm schreiben auf der Grundlage fester Vorstellungen von goldener und silberner Latinität mit ihren normativen Implikationen, spätere Autoren werden entsprechend (wenn überhaupt) nur bedingt gewürdigt. Problematisch ist des Weiteren die Isolation der Seuchenbeschreibungen, die höchstens im Buch-, nur selten im Werkzusammenhang beleuchtet werden. Das gilt sogar für die zahlreichen Betrachtungen, die in den letzten Jahrzehnten einzelne Seuchenbeschreibungen in den Blick nahmen. Dementsprechend ist es das erste Ziel des Dissertationsprojektes, einen Motivvergleich aller Beschreibungen unter Berücksichtigung des Gesamtzusammenhangs und der literarischen Tradition vorzunehmen. Denn nur auf diese Weise kann eine Untersuchung der weiteren Motivtradition (von Grimm bis Albert Camus durchgeführt) auf festerem Fundament stehen. Vor diesem Hintergrund versteht sich das Projekt als Ausgangspunkt für weitere Forschungsarbeiten; auch aus diesem Grund werden alle Texte in Übersetzung geliefert und mit einem Kommentar versehen, der nicht nur die Eigenheiten des jeweiligen Autors herausstellt, sondern auch die Textkonstitution und die Interpretation begründet.

Als ein möglicher Zugang zu den Beschreibungen wird die Frage nach dem Wert der Quellen für die Medizingeschichte gewählt, welche die Dichter bislang kaum behandelt hat. Es wird dafür argumentiert, die Texte weder aufgrund ihrer Fiktionalität (nach Gabriel 1975) noch ihrer Topik (nach Veit 1961) auszuschließen, sondern sie als wichtige Quellen der Vorstellungsgeschichte (Goetz 1979) anzusehen. Demzufolge ist das zweite Ziel der Untersuchung (mit Leven 1998) keine retrospektive Diagnose, sondern die Einordnung der in einer literarischen Einheit gegenseitiger Bezugnahme verbundenen Beschreibungen in einen gemeinsamen Vorstellungshorizont. Hierbei besteht die Prämisse, dass die Quellen diese Vorstellung von Krankheit nicht nur widerspiegeln, sondern vermittels Rezeption auf Seiten der römischen Oberschicht auch deren Vorstellung von Krankheit und damit auch deren Wahrnehmungsmuster (Goetz 2003) prägen. Diese Reziprozität wird auch mittels eines Exkurses über moderne Katastrophenberichte und -literatur (Holm 2012; Horn 2014) wahrscheinlich gemacht.

Sollte es gelingen, die Motivtradition mehr ins Bewusstsein zu rücken und eine Grundlage für ihre interdisziplinäre Erforschung zu schaffen, ist das Ziel meiner Untersuchung erreicht. Dabei wird deutlich, welch großer Unterschied zwischen dem satirisch überspitzten Krepereios Kalpurnianos und den Dichtern besteht: Es handelt sich um hoch innovative Bearbeitungen eines Motivs, das uns die verschlungenen und vielgestaltigen Wege literarischer Rezeption im ersten vor- und nachchristlichen Jahrhundert vor Augen führt und zugleich das Beziehungsgeflecht von Krankheit, Erkranktem und Gesellschaft in der Vorstellungswelt römischer Rezipienten illustriert.

Ausgewählte Sekundärliteratur

Crawfurd, R.: Plague and Pestilence in Literature and Art, Oxford 1914.

Gabriel, G.: Fiktion und Wahrheit. Eine semantische Theorie der Literatur, Stuttgart 1975.

Gardner, H.: Pestilence and the Body Politic in Latin Literature, Oxford 2019.

Goetz, H.-W.: „Vorstellungsgeschichte“: Menschliche Vorstellungen und Meinungen als Dimension der Vergangenheit, in: Archiv für Kulturgeschichte 61 (1979), 253–271.

Goetz, H.-W.: Wahmehmungs- und Deutungsmuster als methodisches Problem der Geschichtswissenschaft, in: Das Mittelalter. Perspektiven mediävistischer Forschung 8/2 (2003), 23–33.

Grimm, J.: Die literarische Darstellung der Pest in der Antike und in der Romania, München 1965.

Grmek, M.D.: Les vicissitudes des notions d'infection, de contagion et de germe dans la médecine antique, in G. Sabbah (Hg.): Textes médicaux latins antiques, St. Etienne 1984, 53–70.

Holm, I.W.: The Cultural Analysis of Disaster, in C. Meiner/K. Veel. (Hgg.): The Cultural Life of Catastrophes and Crises, Berlin/Boston 2012, 15–32.

Horn, E.: Zukunft als Katastrophe, Frankfurt a. M. 2014.

Horstmanshoff, H.F.J.: De Pijlen van de Pest. Pestilenties in de Griekse Wereld, Amsterdam (Diss.) 1989.

Leven, K.-H.: Krankheiten – historische Deutung vs. retrospektive Diagnose, in N. Paul/T. Schlich (Hgg.): Medizingeschichte: Aufgaben – Probleme – Perspektiven, Frankfurt a. M./New York 1998, 153–185.

Mazzini, I.: La descrizione delle malattie nei poeti e nei medici, in C. Deroux (Hg.): Maladie et maladies dans les textes latins antiques et médiévaux, Brüssel 1998, 14–28.

Nutton, V.: Ancient Medicine, New York 22013.

Toner, J.: Roman Disasters, Cambridge 2013.

Vallillee, G.: The Plague in Lucretius and Later Latin Poets, Chicago (Diss.) 1960.

Veit, W.: Studien zur Geschichte des Topos der Goldenen Zeit von der Antike bis zum 18. Jahrhundert, Köln (Diss.) 1961.