7. Kleine Mommsen-Tagung: Zeitmontagen. Formen und Funktionen gezielter Anachronismen

Beim Begriff des „Anachronismus“ denkt man schnell an Sandalenfilme, in denen neronische Söldner Armbanduhren tragen; man denkt an Unstimmigkeiten im historischen Dekor einer Darstellung. Anachronismen gelten als Normverstöße und haben die negative Konnotation des Fehlerhaften. Nun lässt sich feststellen, dass diese Normverstöße auch intendiert sein können, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen.

Moderne Elemente können absichtlich in historische Szenerien integriert werden; umgekehrt lässt sich auch beobachten, dass archaisierende Details in ansonsten zeitgenössische Darstellungen Eingang finden. Fälle dieser Art begegnen in antiken Schriftzeugnissen der unterschiedlichsten Gattungen; ebenso aber in der Bildenden Kunst, der Epigraphik und der Numismatik.

Uns interessierte die Frage, welche Formen bewusst gestaltete Anachronismen konkret annehmen und welche Funktionen sie haben können. Für eine gemeinsame Annäherung an das Thema eignete sich unserer Ansicht nach insbesondere das Format der Kleinen Mommsen-Tagung, in deren Rahmen Vertreter aller altertumswissenschaftlichen Disziplinen eingeladen sind, aus der Perspektive ihres Faches Beiträge zu leisten und dann im interdisziplinären Austausch zu diskutieren. Wir reichten unseren Themenvorschlag bei der Mommsen-Gesellschaft ein und erhielten die Zusage, die Veranstaltung ausrichten zu dürfen, was uns sehr freute.

Das Team der Veranstalter bestand aus den Professoren JEHNE und PAUSCH (Alte Geschichte und Klassische Philologie) nebst Mitarbeitern (Christoph LUNDGREEN [bis 08/15], Philipp GEITNER, Antje JUNGHANß, Bernhard KAISER) sowie Dr. HOLLSTEIN, dem Leiter des Münzkabinetts der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. In dieser Konstellation entwickelten wir einen Call for Papers und entschieden uns, diesen nicht nur an die altertumswissenschaftlichen Institute im deutschsprachigen Raum zu senden, sondern in englischer Übersetzung auch auf einer internationalen Plattform zu präsentieren.

Uns erreichten circa 40 Einsendungen aus dem In- und Ausland, sowohl von erfahrenen wie auch von jungen Wissenschaftlern. Die deutliche Mehrheit kam aus den Bereichen der Klassischen Philologie und der Alten Geschichte. Die geringe Zahl an Bewerbungen aus dem Bereich der Archäologie ist sicherlich damit zu erklären, dass es in Dresden kein entsprechendes Institut gibt und der Standort damit für Archäologen nicht einschlägig ist.

Es war nicht leicht, eine Auswahl zu treffen, doch wir hatten uns entschieden, entsprechend dem Tagungskonzept eine Veranstaltung anzubieten, bei der die Gäste nicht zwischen mehreren parallel stattfindenden Vorträgen hätten auswählen müssen und damit in keinem Fall alle Beiträge hätten hören können. Uns war es wichtig, eine wirklich gemeinsame Annäherung an den Untersuchungsgegenstand zu versuchen, um dann in einer Abschlussdiskussion tatsächlich auch erste Antworten auf unsere Ausgangsfrage nach Formen und Funktionen von Zeitmontagen formulieren zu können.

Wir wählten 14 Abstracts aus, die in der Zusammenschau sowohl die Fülle altertumswissenschaftlichen Forschens abbildeten als auch ein ausgewogenes Verhältnis in- und ausländischer sowie jüngerer und fortgeschrittener Wissenschaftler darstellten. Für die Diskussionsleitungen der einzelnen Sektionen konnten wir Mitglieder des Vorstandes der Mommsen-Gesellschaft gewinnen sowie außerdem Prof. Dr. Jakub PIGON, mit dem das Institut für Klassische Philologie im Rahmen der Strategischen Städtepartnerschaft Dresden – Wroclaw in enger Verbindung steht.

Über Plakate, Flyer und Ankündigungen im Internet nutzten wir verschiedene Medien, um auf unsere Veranstaltung hinzuweisen. Erfreulicherweise meldete sich eine Gruppe Rostocker Studenten an; auch die Dresdner Studenten der Klassischen Philologie und der Alten Geschichte zeigten großes Interesse am Tagungsthema und besuchten gezielt einzelne Vorträge. Insgesamt hatten wir etwa 6o Teilnehmer.

Eine Handvoll Studenten (Jana BÖRNERT, Theresa FRÖBISCH, Melanie WARSCHUN, Sven STEINACKER) unterstützte an den Veranstaltungstagen das Organisationsteam zuverlässig in praktischen Belangen – etwa im Tagungsbüro oder bei den Kaffeepausen. Über diese Hilfe waren wir sehr froh.

Die Tagung fand im Bischof-Gerhard-Saal im Haus der Kathedrale statt, welches sehr zentral in der Innenstadt gelegen ist. Im Umkreis finden sich zahlreiche Lokale, sodass wir in den Mittagspausen sowie an den Abenden gemeinsam essen gehen konnten, um in informellem Rahmen beieinander zu bleiben. Auch das Hotel, in dem wir die Gäste untergebracht hatten (motel one am Zwinger), liegt günstig, sodass alle Wege zu Fuß zurückgelegt werden konnten und stets durch einen der schönsten Teile Dresdens führten. Auch der Veranstaltungsort selbst war ein Glücksfund; der Saal mit seinem Gewölbe wirkt sehr ansprechend; außerdem konnten wir das Foyer für die Pausen und den Empfang am Freitagabend mit nutzen. Im Foyer war zudem ein Stand des Franz-Steiner-Verlages aufgebaut.

Dr. HOLLSTEIN hatte vorgeschlagen, als Auftakt der Veranstaltung eine Führung durch das Münzkabinett der SKD anzubieten. Die allermeisten auswärtigen Gäste sagten zu. Diese erste Begegnung am Vorabend der eigentlichen Tagung – erst im Rahmen der Führung, dann beim gemeinsamen Abendessen – wurde von allen Beteiligten als sehr angenehm empfunden und führte dazu, dass zum eigentlichen Tagungsbeginn die Orientierung leichter fiel: Die Referenten hatten bereits etwas Zeit miteinander verbracht, hatten erste Gespräche miteinander oder mit uns geführt.

Unser Programm hatten wir chronologisch angeordnet. Der Freitagmorgen begann mit Beispielen intendierter Anachronismen aus dem alten Griechenland – zunächst zweifach aus althistorischer Perspektive (Stefan FRAß, Irene POLINSKAYA), dann aus dem Blickwinkel eines Archäologen (Ross BRENDLE). In der zweiten Sektion wurden intendierte Anachronismen bei Vergil und Ovid untersucht (Anke WALTER, Philipp GEITNER, beide Klassische Philologie), am Nachmittag ging es weiter zur Frühen Kaiserzeit (Alfred LINDL, Anja WOLKENHAUER, Markus KERSTEN, Oliver SCHWAZER: Klassische Philologie). Am Samstag gab es zwei Sektionen; zunächst drei Vorträge, die sich dem Phänomen an Beispielen aus der Spätantike näherten (Christoph SCHUBERT: Klassische Philologie; Monika SCHUOL, Karen PIEPENBRINK: Alte Geschichte) und, abschließend, zwei Beiträge zu Anachronismen in der Antikerezeption (Stefanie SCHMERBAUCH; Rachel BRYANT DAVIES: Klassische Philologie).

Bereits am Freitagabend gab es Gelegenheit zur Diskussion übergreifender Fragestellungen; für Samstag hatten wir eine Abschlussdiskussion angesetzt, an der die Tagungsteilnehmer auch rege Anteil nahmen. Im Rahmen dieser Diskussion ging es darum, die Formen und Funktionen intendierter Anachronismen in Abstraktion von den konkreten Beispielen zu beschreiben und zu systematisieren.

Grundsätzlich zeigte sich dabei, dass durch das bewusste Aneinandersetzen von Zeiten einerseits der Anschein von Kontinuität suggeriert werden kann, um etwa bestimmte Verhaltensweisen, Normen oder Tatbestände im Verweis auf eine entsprechende Tradition zu legitimieren. Ferner können Anachronismen Historisches oder Mythologisches aktualisieren, indem zeitgenössische Elemente eingebaut werden. Diese lebensweltliche Einbettung führt einerseits zu einer stärkeren Identifikation des Lesers mit dem an sich fremden Geschehen, erlaubt andererseits durch die zumindest partielle Distanz eine größere Freiheit im Bewerten der Handlungen beteiligter Personen und erweist sich nicht zuletzt auch als reizvolles Spiel, das der Unterhaltung des Lesers dienen kann. Diese kurze Bündelung der Eindrücke und Ergebnisse war ein guter Schlusspunkt; mit dem Gefühl, gemeinsam eine Fragestellung verfolgt zu haben, gingen wir auseinander.

Die Tagung war, was das Thema intendierter Anachronismen betrifft, ein Anfang. Um diesen festzuhalten und in der Forschungslandschaft zu markieren, haben wir entschieden, die Tagungsbeiträge in einem Sammelband zu veröffentlichen. Mit dem Erscheinen des Buches (Franz-Steiner-Verlag) ist Anfang 2018 zu rechnen. Neben diesen inhaltlichen Anregungen haben wir die angenehme Gesprächsatmosphäre während der Tagung als sehr bereichernd empfunden. Wir freuten uns sehr an dem freundlichen f.cherübergreifenden, alters- und erfahrungsgemischten, internationalen Austausch der Gäste. Dass wir die Gelegenheit für diesen Austausch schaffen konnten, ist nicht zuletzt Ihrer Unterstützung unserer Veranstaltung zu verdanken, über die wir sehr froh sind.

Antje Junghanß

Abschlussbericht als pdf-Datei inklusive Fotos zum Download: hier.

 

Programm

Donnerstag, 13. Oktober 2016
18:00 Uhr Führung durch das Münzkabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden

Freitag, 14. Oktober 2016
Griechenland
9:00 – 9:15 Uhr Grußworte und Eröffnung
9:15 – 9:55 Uhr Dr. Stefan Fraß (Bochum): Theseus, Solon und Kleisthenes als Begründer der Demokratie? Die Unverfügbarstellung der demokratischen Ordnung im klassischen Athen
9:55 – 10:35 Uhr Dr. Irene Polinskaya, (King’s College, London): The Distant Present and the Near Past: The Mounting of Time in the Herodotean Aiginetan Logos (5.54-97)
10:35 – 11:15 Uhr Ross Brendle (Johns Hopkins University, Baltimore): Form and Technique as Religious Conservatism: The Case of Panathenaic Prize Amphorae
11:15 – 11:40 Uhr Pause

Augusteisches Rom
11:40 – 12:20 Uhr Dr. Anke Walter (Rostock): iamque dies, nisi fallor, adest – Aeneas und der römische Kalender
12:20 – 13:00 Uhr Philipp Geitner (Dresden): Unzeitige Gegenwart. Der Anachronismus in Ovids Metamorphosen
13:00 – 14:30 Uhr Mittagspause

Frühe Kaiserzeit
14:30 – 15:10 Uhr Dr. Ulrike Roth (Edinburgh): An anachronistic Paratext: Tacitus, Annals 1.11.4 and the limits of senatorial libertas
15:10 – 15:50 Uhr Prof. Dr. Anja Wolkenhauer (Tübingen): Wann starb Kaiser Claudius? Über das semantische und epistemische Potential von Zeitbestimmungen am Beispiel der Apocolocyntosis
15:50 – 16:20 Uhr Pause
16:20 – 17:00 Uhr Markus Kersten (Rostock): Anachronismen und Metapoetik: Literaturgeschichte und erzählte Zeit im historischen Epos
17:00 – 17:40 Uhr Oliver Schwazer (University College, London): Petron und die Satyrica: Zeitgenössisches Abbild, historischer Roman oder literarische Spielerei?
17:40 – 18:00 Uhr Gelegenheit zur Diskussion übergreifender Fragestellungen

Samstag, 15. Oktober 2016
Spätantike
09:00 – 09:40 Uhr Prof. Dr. Christoph Schubert (Wuppertal): Anachronismen in der lateinischen Pseudepigraphie der späteren Antike
09:40 – 10:20 Uhr Prof. Dr. Monika Schuol (FU Berlin): Nachfolger von Romulus und Remus oder der Apostel? Konstruktionen von Zeit und Kontinuität im antiken Papsttum
10:20 – 11:00 Uhr Prof. Dr. Karen Piepenbrink (Gießen): Zeitmontagen und Anachronismen in der Gesetzgebung Justinians
11:00 – 11:30 Uhr Pause

Rezeptionsphänomene
11:30 – 12:10 Uhr Stefanie Schmerbauch (Salzburg): Wibbly wobbly timey wimey stuff – Zeit(en) erzählen, Zeit(en) erfahren in Quintus Smyrnaeus‘ Posthomerica
12:10 – 12:50 Uhr Dr. Rachel Bryant Davies (Cambridge): Freely perverted from classic texts: Saving Troy and Carthage in nineteenth-century British burlesques
12:50 – 13:15 Abschlussdiskussion